Aus der 140-jährigen Geschichte der traditionsreichen Gastwirtschaft „Zur grünen Au“ in Biskirchen

 

 

Dem typisch gründerzeitlichen Baustil (Fensteranordnung, Dachneigung etc.) nach zu urteilen, liegt die Bauzeit der heutigen Bürgerschänke „Zur grünen Au“ zwischen 1873 und 1875. Gebaut wurde die für damalige Verhältnisse moderne Gastwirtschaft, bereits mit einer Raumhöhe von 2,70 bis 2,95 Meter und einem Saal für ca. 124 Personen, vermutlich von Christian Zutt und dessen Schwiegersohn Johann Peter Neuhof. In den alten Gemeindeakten befinden sich Zeitungsannoncen vom 29. November 1875 („Coblenzer Anzeiger“ und „Coblenzer Zeitung“), die auf eine „Holzversteigerung bei dem Wirthe Zutt“ am 6. Dezember 1875 hinweisen. Ein Jahr später warb Gastwirt Neuhof für ein Chorkonzert mit dem Gesangverein „Gutehoffnung“ (von der Nieverner Hütte bei Ems) und anschließendem Ball am 2. Weihnachtsfeiertag 1876.

 

Johann Peter Neuhof (1850-1907), der aus Bellersdorf stammte, kam als junger Bauunternehmer 1872 nach Biskirchen und war mit der Neufassung des Biskirchener Mineralbrunnens beschäftigt. 1873 heiratete er Katharine Wilhelmine Zutt, die Tochter des vermutlich ersten Wirtes der „Grünen Au“. Johann Peter Neuhof, der neben seiner Gastwirtschaft und seinen Bauunternehmungen auch dem Bergbau verbunden war (Schürfrechte, Steinbrüche, Mineralquelle etc.), betrieb das Lokal bis zum Jahre 1892.

 

In jenem Jahr veräußerte er die Wirtschaft an Heinrich Christian Lotz (1853-1919), der aus Horhausen bei Diez (Rhein-Lahn-Kreis) stammte. Die Familie Lotz kam zwischen 1881 und 1884 nach Biskirchen. Im Register der Dillenburger Bergschüler findet man Lotz zwischen 1876 und 1878 erwähnt. Um 1895 betrieb Lotz neben seiner „Gastwirthschaft“ auch eine „Colonialwaaren-Handlung“.

 

Etwa 1900 richtete Heinrich Christian Lotz eine Gartenwirtschaft ein, wobei er einen für damalige Verhältnisse sehr hohen Betrag investierte, der zwischen 300 und 400 Mark lag.

Diesbezüglich beantragte ein heute nicht mehr existierender Biskirchener Geselligkeitsverein mit dem Namen „Immergrün“ am 7. Juli 1901 bei der Bürgermeisterei Greifenstein eine Genehmigung zur Durchführung einer Tanzveranstaltung im neuen Biergarten. In dem Gesuch heißt es:

„Der Verein „Immergrün“ erblickt darin ein Entgegenkommen, welcher Herr Lotz nicht nur den Einwohnern von Biskirchen, sondern auch den Fremden zum Aufenthalt und Vergnügen dargeboten hat. Wir beabsichtigen daher, um dem genannten Lotz einen Verdienst zuweisen zu können, am Sonntag den 21ten d. Mts. in der Gartenwirtschaft eine Tanzbelustigung abzuhalten.“

Unterzeichnet wurde das Schreiben von dem Lehrersohn Albert Valentin, der wohl den Vorsitz dieses Vereins hatte.

Nach dem Tod des Wirtes Heinrich Christian Lotz leitete dessen Sohn Heinrich Lotz (geb. 1886) zwischen 1920 und 1942 das Lokal. Da er ledig blieb und kinderlos war, erhielt dessen Bruder Wilhelm Lotz (1897-1964) und Ehefrau Frieda geb. Carl (1897-1969) nach der Teilung des elterlichen Erbes die Gastwirtschaft.

 

Am 9. Oktober 1948 eröffnete Lotz mit seinem Schwiegersohn Herbert Arnold, der im Juni 1948 eine Prüfung als Filmvorführer  an der Staatlichen Ingenieursschule Frankfurt/ M. absolvierte, das Kino „ARLO-Lichtspiele“.

Ein besonderer Höhepunkt in der langen Geschichte des bekannten Hauses war der 1956 errichtete Saalbau im ehemaligen Biergarten, der heute als Dorfgemeinschaftshaus dient. Am 29. September 1956 war die Einweihung des nun größten Saales in Biskirchen.

 

Lotz betrieb das Lokal bis Ende 1958 und verpachtete die Gastwirtschaft an die Brauerei der Gebrüder Wahl, Braunfels. Bis 1968 blieb die „grüne Au“ im Besitz der Familie Lotz/ Arnold. Folgende Wirtsleute konnten ab 1959 ermittelt werden: Thomantke (1959/60), Walter und Lydia Hörr (1960-1966), Kurt und Johanna Bleske (1966-1968), Karl Seipp und Margarethe Jung (1968-1970; Besitzer des Lokals bis 1973), Marianne Kurz (1970-1972), Helmuth Groth (1972-1973), Karl-Heinz Wagner (1973-1974). Nach Konkursanmeldung der Besitzer Seipp/Jung und der anschließender Versteigerung wurde die Fa. Willi Geiling in Wöllstadt/ Wetterau Eigentümerin des Gebäudes.

 

Am 17. September 1973 beschloss die Leuner Stadtverordnetenversammlung den Kauf der Lokalität zum Preis von 143.000 DM. Mit der Neueröffnung am 1. April 1974 begann die Ära als Dorfgemeinschaftshaus, das in den Jahren 1974/75, 1984-1986 und 1997/98 zum Teil sehr aufwendige Umbaumaßnahmen erfuhr. Die jeweiligen Pächter der Gastwirtschaft üben seit 1974 auch die Hausmeistertätigkeit des gesamten Gebäudes aus.

Es waren in der Vergangenheit Gerhard Oberding und Elfriede Haab (1974-1980), Hans-Jürgen und Heide Saßmann (1980-1981), erneut Elfriede „Frieda“ Haab (1981-1991), Vladimir „Vlado“ Marin (1991-1996) und Petra Neugebauer (1997-2000). Ihr folgte im November 2000 Detlef Mathon, der am Himmelfahrtstag 2001 den Biergarten neueröffnete, wie es 100 Jahren zuvor der frühere Wirt Lotz „nicht nur den Einwohnern von Biskirchen, sondern auch den Fremden zum Aufenthalt und Vergnügen dargeboten hat“.

Das weit und breit bekannte Lokal mit Biergarten, Kegelbahn und DGH führte Detlef Mathon mit seiner Frau Sabine bis September 2015.

Die Bürgerschänke „Zur grünen Au“ mit 140-jähriger Geschichte ist im „staatlich anerkannten Erholungsort“ Biskirchen die einzige noch bestehende traditionsreiche „reine“ Gastwirtschaft.

Die beliebte Lokalität steht ab 1. Oktober 2015 unter der Leitung von Steffi Hardt.

 

Matthias Diehl, Biskirchen, den 21. September 2015

 

 

 

 

 

 

Inhaber: Steffi Hardt · Bürgerschänke „Zur Grünen Au” · Auweg 20 · 35638 Leun-Biskirchen

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